Union der Basiszüchter g.e.V.
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Vertiefung

Hier erscheinen vertiefende Texte von Basiszüchtern zu verschiedenen Themen und Fragestellungen der Basiszucht. Dabei wird und soll unter anderem deutlich werden, dass Basiszucht bei allen grundlegenden Gemeinsamkeiten im Detail immer auch ein individueller Weg ist.

 

Selbstselektion der Drohnen

von Jörg Hinnerks

Kürzlich fragte mich ein überzeugter Buckfastimker, welche Bienen ich hielte, Carnica oder Buckfast. Auf meine Antwort, dass ich als meinerseits überzeugter Basiszüchter mit der guten Landbiene arbeite, meinte er etwas geringschätzig: „Jeder darf mal...” (gemeint war: jeder beliebige Drohn darf meine Königinnen begatten). Ist das in der Basiszucht so? Ich denke nicht. Mir sind nämlich für meine Königinnen die fittesten und vitalsten Drohnen gerade gut genug. Jedenfalls hat mich seine Bemerkung veranlasst, die Sache einmal gründlich zu durchdenken.

In unseren Richtlinien steht unter „Praktische Hinweise”, Absatz „Nutzung natürlicher Selektion”, dass sich die Drohnen im freien Begattungsflug selbst auf Vitalität selektieren. Wie ist dass zu verstehen?

Nun, zunächst einmal gehe ich davon aus, dass Drohnen aus kränklichen, vielleicht auch von der Varroa geschwächten Völkern nicht sonderlich fit sind – und wenn sie auch nur „schlechter im Futter stehen“ – und deshalb kaum eine Chance haben, sich gegen konkurrenzstärkere, weil gesündere Drohnen durchzusetzen.

Aber das ist nur ein erster, allgemeiner Schritt der Selektion. Viel entscheidender und gründlicher ist das folgende, was unmittelbar aus der Tatsache folgt, dass ein Drohn eben ein Drohn ist. Ein Drohn ist genau deshalb ein Drohn und keine Arbeiterin (oder Königin), weil er nicht wie diese einen doppelten (diploiden) Chromosomensatz, sondern einen einfachen (haploiden) Chromosomensatz hat. Dies hat ganz entscheidende Auswirkungen.

Um diese Tatsache in ihrer ganzen Tragweite wirklich würdigen zu können, betrachten wir am besten kurz den uns geläufigeren Fall der Diploidie. Es liegen zwei Allele bzw. zwei Allelgruppen für jede Eigenschaft auf den beiden entsprechenden Chromosomen vor. Sind diese Allele verschieden ausgeprägt (heterozygot), so verändern sie sich in ihrer phänotypischen Ausprägung gegenseitig (intermediärer Erbgang) oder eins überdeckt das andere (dominant/rezessiver Erbgang). Manchmal werden auch beide Eigenschaften ausgebildet (Kodominanz). Abgesehen von einem dominanten Allel wird eine Veranlagung bei diploiden Lebewesen nie rein ausgebildet – es sei denn, beide Allele sind gleich (homozygot). Das bedeutet, dass es bei einem diploiden Lebewesen unsicher ist, ob es seine Eigenschaften eins zu eins vererbt. (Um hierin Sicherheit anzustreben, arbeitet man in der üblichen Zucht gerne mit Inzucht.)

Bei haploiden Lebewesen, wie die Drohnen es sind, sieht die Sache ganz anders aus. Jeder Drohn bekommt von den zwei mal sechzehn Chromosomen seiner Mutter eine beliebige Kombination, also beispielsweise von Chromosomenpaar eins Chromosom a, von Paar zwei auch Chromosom a, von Paar drei Chromosom b usw. So werden tendenziell alle Möglichkeiten, die Chromosomen der Mutter zu mischen, durchgeführt und durch den Drohn bereits vor der Begattung einem „Vortest” unterzogen. Nimmt man noch die Möglichkeit des crossing-over während der Reduktionsteilung hinzu, die zu dem Ei führt, aus dem einmal der Drohn wird, dann steigert sich die Möglichkeit, verschiedene Erbanlagen zu kombinieren, in's Unüberschaubare.

Beim Drohn gibt es also für jede Eigenschaft nur ein einziges Allel bzw. eine einzige Allelgruppe. Kein zweites Allel kann irgendeine Eigenschaft verändern oder überdecken. Jede Eigenschaft und jede Kombination von Eigenschaften zeigt sich ganz und gar rein und unverfälscht. Wann immer eine solche die Leistungsfähigkeit des Drohns herabsetzt, kommt dieser nicht zur Begattung und kann seinen Chromosomensatz und damit seinen individuellen Satz von Eigenschaften nicht weitergeben. Steigert eine solche aber seine Leistungsfähigkeit, steigen auch seine Chancen, sich gegen die anderen Drohnen durchzusetzen.

Als Beispiel mögen hier die weißen Augen dienen, die vor einiger Zeit in der Fachpresse besprochen wurden. Auch ich hatte solche Drohnen in der Anfangszeit meiner Imkerei in einem Volk beobachtet. Weiße Augen sind auf einen Gendefekt zurückzuführen. Sie könnten bei weiblichen Bienen (Königin oder Arbeiterin) nur auftreten, wenn beide Allele diesen Defekt aufwiesen, weil sie rezessiv vererbt werden. Dazu kommt es aber nicht, weil weiße Augen zu Flugunfähigkeit führen und daher von der Drohnenseite nicht vererbt werden können. Drohnen mit weißen Augen selektieren sich also aus, da sie nicht zur Begattung kommen.

Dies ist natürlich ein krasses Beispiel, aber so geht es mit allen Eigenschaften, die die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft, Ausdauer und Findigkeit des Drohns beeinflussen, angefangen bei der Ausprägung von Stoffwechsel und Flugmuskulatur bis hin zur Leistungsfähigkeit der Sinnesorgane.

Allerdings soll nicht verschwiegen werden: einige wichtige Eigenschaften werden bei den Drohnen so nicht selektiert, zum Beispiel Sanftmut, Wabenstetigkeit, Schwarmträgheit und Winterhärte. Aber wenn der Basiszüchter konsequent seine Völker ausliest, nur die besten vermehrt und die anderen möglichst umweiselt, beeinflusst er damit auch die Menge der Drohnen in seiner Umgebung, die die gewünschten Eigenschaften vererben.

Solange nicht eine deutliche Überzahl von weniger vitalen Drohnen in der Umgebung vorhanden ist – und das ist wohl nur selten der Fall und lässt sich meist umgehen, indem man seine Königinnen einige Kilometer entfernt zur Begattung aufstellt – funktioniert diese natürliche Selektion sehr gut. Daher kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass an meine Königinnen nur die vitalsten Drohnen herankommen. Inwieweit das auf Belegstellen zutrifft oder auf die künstliche Besamung, mag jeder für sich selbst entscheiden.

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